"Kein Zeuge ist besser als die eigenen Augen."
Äthiopisches Sprichwort

Mittwoch, 2. März 2011

Mit kleinen Schritten kommt man auch ans Ziel

Nach nur drei Tagen im Mejn-Büro kann ich einen ersten kleinen Erfolg aufweisen. Natürlich sind dort alle, wie immer, sehr beschäftigt. Aber für einen ehemaligen Praktikanten hat man doch mal ein paar Minütchen Zeit. Apropros Praktikant: Dort sitzen nun zwei neue blutjunge, malawische Praktikanten im Büro und denen wurde ich mittlerweile dreimal vorgestellt und dass nachdem ich mich selbst schon vorgestellt habe. Meinen Namen dürften die Beiden eigentlich nicht vergessen. Jeder sieht es halt als seine Pflicht, einen ehemaligen Praktikanten vorzustellen und etwas von der guten alten Zeit (vor allem während unserer Workshops) zu schwärmen. Es könnte aber auch etwas daran liegen, dass ich Mejn’s erster und bisher auch einziger europäischer Praktikant bin. Jedenfalls habe ich eine bisher unveröffentlichte Studie in die Hand gedrückt bekommen (in Form eines USB-Sticks), welche ein Volltreffer für mein Themengebiet ist. Außerdem gab man mir in Aussicht, mich dem Verfasser (Dozent an der University of Malawi) vorzustellen. Ob die klappt, bezweifle ich aber, wenn ich mal realistisch bleibe. Aber schon mal ein Anfang. Voller Tatendrang machte ich mich an die Arbeit.
Aber, wie soll man arbeiten, wenn für Stunden der Strom verschwindet. Erst glaubte ich, es liegt an meinem Ladekabel, welches mir in letzter Zeit öfters solche Streiche spielt. Aber als ich wie wild am Kabel rumzupfte, sich nichts tat und mich alle schon entgeistert anstarrten, fiel mir wieder ein, dass ich ja in Malawi bin. Hier kommen Stromausfälle immer noch regelmäßiger vor als Ebbe und Flut an der Nordsee. Letztes Mal wurde dann ab und an der Generator angeschmissen, damit das Geschäft weiterlaufen kann. Aber Malawi leidet unter einem extremen Treibstoffmangel. Dieser ist übrigens ausgelöst (und jetzt widerspreche ich eindeutig malawischen Regierungsmitgliedern, die behaupten, dass der Mangel an langsamen Hafenarbeitern in Mosambik liegt, die den Nachschub behindern) durch einen enormen Mangel an ausländischen Devisen. Der Treibstoff kann schlichtweg einfach nicht bezahlt werden.
Also lasst uns alle gemeinsam etwas Gutes tun. Schickt mir Geld, welches ich dann hier ausgeben kann!!!
Manche Dinge des normalen europäischen Konsum sind nämlich so unglaublich teuer. Ich Tube Sonnencreme kostet doch tatsächlich 20€. Da überlegt man schon, ob man den Sonnenbrand nicht lieber in Kauf nimmt. Im Gegensatz dazu kann man hier für 1,25€ aber wunderbar im Restaurant speisen. Dabei kommt es natürlich darauf an, welches Restaurant man wählt. Wenn man durch die Straßen schlendert und man sieht in einem Schaufenster ein Pappschild, auf welchem schlampig „Food“ geschrieben steht, und man schaut in diesen Laden und sieht einen leeren, gekachelten Raum mit einigen Plastikstühlen, dann weiß man, dass es hier preiswertes Essen gibt. Auf der Speisekarte steht alles, was die malawische Küche zu bieten hat: Nsima (Maisbrei, in Südafrika bekannt als Pap), Reis, Chips (lapprige, frittierte Kartoffeldinger (Pommes wäre übertrieben)), Bohnen, Kohl, Huhn, Beef und Fisch. Das gibt es dann aber in jeder Kombination, obwohl ich noch niemanden gesehen habe, der Nsima mit Reis isst.

Von meiner Familie gibt es zu berichten, dass der Fernseher noch immer rund um die Uhr an ist. Es gibt nun sogar zwei, die parallel laufen. Nur abends wird er nun ausgeschalten. Dies hat sich verändert gegenüber dem letzten Mal. Da war es noch so, dass plötzlich alle vom Abendbrotstisch aufsprangen und wegrannten, während ich den Nsima immer noch nicht anfassen konnte, da er mir einfach zu heiß war. Das hat sich nun wie gesagt geändert. Stattdessen trifft man sich nun nach dem Abendessen im Wohnzimmer und betet gemeinsam. Dazu singt man muntere Kirchenlieder. Ich verdrücke mich dann immer in meinem Zimmer und lausche von dort aus. Papa Joseph singt aber so grauenvoll schief, dass ich manchmal hinüber gehen möchte, um ihn zu fragen, ob er nicht einfach mitsummen kann oder nur die Lippen bewegen. Reicht doch auch. Aber ich möchte ja nicht mit ihm diskutieren. Denn eines hat sich doch nicht geändert. Meine Anwesenheit im Haus ist für Papa Joseph ein wunderbarer Anlass mit jemanden darüber zu diskutieren, was im Land alles falsch läuft. Diese Diskussionen sind eher Monologe (wobei ich nicht derjenige bin, der redet. Ich komme ja überhaupt nicht zu Wort.) und enden eigentlich immer an dem Punkt, dass früher unter Muluzi (ehemaliger Präsident Malawis) alles besser war. Er ist halt etwas älter und auch noch sehr traditionell veranlagt. So ist er zum Beispiel ein großer Gegner von Human Rights und Gender-Geschichten. Es ist fatal, dass in der heutigen Zeit Frauen und Jugendlichen den erwachsenen Männern widersprechen könnten. Käme so etwas in seinem Haus vor, würde er keinen Moment zögern und die betreffende Person rausschmeißen. Ich lasse diese Triaden immer über mich ergehen und nicke hingebungsvoll, denn ich bin ja friedlich. So friedlich wie die Malawier. Obwohl ich heute Zeuge einer riesigen Massenschlägerei wurde. Das hatte etwas Comichaftes, eine große Staubwolke und ab und an konnte man mal eine Faust oder einen Fuß erspähen. Ich habe mich aber zum ersten Mal innerhalb des Minibusses sicher gefühlt. Der Fahrer ist nämlich auch prompt hingefahren, um zu sehen, was da denn los ist. Malawier sind nämlich äußerst schaulustig. Deshalb kann ich auch nicht hundertprozentig sagen, ob es sich um eine Massenschlägerei handelte oder ob es nur zwei Prügelnde waren und der Rest tatkräftig zuschaute.

Naja, wie auch immer. Kommen wir nun zum eigentlichen Anlass für diesen Blogeintrag. Ich möchte die Gelegenheit nutzen und einen herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag aussprechen. Die Geburtstagskinder, denn es sind mehrere, sind mir über die langen Jahre, die wir uns nun kennen, sehr ans Herz gewachsen. Sie sind quasi zu einem Teil von mir geworden. Ohne sie wäre ich nicht der, der ich heute bin. Ohne sie wäre ich nur Rasta, ohne Tier. Also hebt mit mir eure Gläser und lasst uns anstoßen. Meine Haare werden heute 9 Jahre alt. Prost!

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