"Kein Zeuge ist besser als die eigenen Augen."
Äthiopisches Sprichwort

Dienstag, 8. März 2011

Einmal zum See und zurück

Wieder sind einige Tage ins Land verstrichen und diese waren natürlich nicht ereignislos. Letzten Donnerstag war in Malawi Märtyrertag, ein Feiertag um die gefallenen, starken Männer und mutige Frauen, die ihr Leben für die Unabhängigkeit Malawis opferten, zu ehren. Wenn ich mich aber recht an die Geschichte erinnere, waren das nicht allzu viele. Malawi war schon immer sehr friedsam und so ging auch der Prozess der Unabhängigkeit sehr friedlich vonstatten. Jedenfalls habe ich das verlängerte Wochenende genutzt, um einen weiteren Sektor der Wirtschaft Malawis genaustens zu untersuchen. Ein Sektor, der viel Potential verspricht, aber momentan eher vor sich herdümpelt. Ich habe den Tourismussektor untersucht. Natürlich habe ich dabei selbst keinen Urlaub gemacht, es war alles rein wissenschaftlich....
Ich bin jedenfalls Donnerstag früh an den Lake Malawi gefahren, den drittgrößten See Afrikas, der ein Drittel der Fläche Malawis einnimmt.. Eine riesige Süßwasserquelle mit unglaublich vielen Fischen und eine wahnsinnig gute Quelle für Energie und Touristen. Leider sind die Chancen, die der See bietet, noch sehr sehr ausbaufähig in der Umsetzung.
Nachdem ich in Südafrika alle Reisen entweder mit dem eigenen Auto oder im Flieger unternommen habe, hab ich fast schon vergessen, wie spaßig der öffentliche Transport in Malawi sein kann. Früh morgens um 7Uhr saß ich bereits im richtigen Bus am Busdepot Lilongwe, ich wollt schließlich auch früh da sein. Ich schaute mich um und musste feststellen, dass ich einer der ersten im Bus war. Kurz nach 10Uhr hat sich der Bus dann bis auf den letzten Stehplatz gefüllt und wir fuhren endlich los. Für die 220km von Lilongwe nach Monkey Bay brauchten wir 6 Stunden. Es ging zuerst durch grüne Berge, weit und breit stand der Mais und zwischendurch immer wieder einzelne Tabakfelder. Ein Dorf nach dem anderen säumte den Straßenrand und sobald der Bus kurz stehen blieb kamen die Dorfbewohner in Scharen, um Tomaten, gebratenen Mais, frische Erdnüsse oder Wasser in Tüten zu verkaufen. Später ging es entlang der Seeküste und die Berge waren nur noch in der Ferne zu entdecken. Wenn man Lilongwe erst mal verlassen hat, ist es auch auffällig, wie leer die Straßen sind. Ich glaube während der gesamten Fahrt sind uns nicht mehr als 10 Autos entgegen gekommen. In den Dörfern gibt es zwar auch öffentlichen Transport, aber der besteht aus gepolsterten Fahrradsitzen.
Monkey Bay kannte ich ja bereits, schließlich war ich hier vor 1,5 Jahren mit der Ilala, dem wichtigsten (und so ziemlich einzigen, was etwas größer ist als ein Fischerboot) Schiff Malawis, angekommen. Aber ich hatte meinen Zielort noch nicht erreicht. Von Monkey Bay ging es weiter nach Cap Maclear. Dies ist eine wunderschöne Naturbucht und das beliebteste Backpacker Reiseziel in Malawi. Entlang des tollen Strandes reiht sich Lodge an Lodge und zwischendurch sind trotzdem noch genügend freie Stellen, sodass die Fischer ihren Fisch an Land holen können. Das Problem ist nur, dass es keine ordentliche Straße nach Cap Maclear gibt, sondern nur eine sehr sandige und hügelige Schlaglochpiste. Es fahren auch keine Busse oder Minibusse, sondern kleine Trucks holen die Menschen und alle Waren in Monkey Bay ab. Man stelle sich nun also vor, dass 30 Menschen auf einer kleinen Ladfläche stehen, darunter holländische Backpackerinnen, die bei der kleinsten Bewegung anfangen zu kreischen wie auf einem Boygroupkonzert und die malawischen Frauen zu einigen Lästerattacken hinreißen ließen. Dazu kommen dann noch das gesamte Gepäck, sowie all die Maissäcke und dann über diese Schlaglochpiste. Was für ein Spaß, bei dem niemand runtergefallen ist, da jeder jeden festhielt und wir ein riesiges Menschenknäuel bildeten. Was kann nun aber noch passieren, damit das alles so richtig supi wird? Richtig, es fängt tierisch an zu regnen. So ein richtig schöner Wolkenbruch, denn wir befinden uns noch in der Regenzeit, auch wenn sie sich dem Ende zuneigt.
Hat man die ganzen Reisestrapazen dann aber erst mal überstanden, befindet man sich schließlich in dem kleinen Fischerdörfchen Chembe. Hier leben ca 300 Menschen. Die Hälfte arbeitet als Fischer und die andere Hälfte als Souvenirverkäufer. Letztere können schon ziemlich heftig zur Last werden. Wenn man durch das Dorf schlendert, dann findet man in einem Teil die ganzen Lodges und überall stehen, lungern, lauern die Souvenirverkäufer. ´Kaum hat man dem ersten erklärt, der einen ewig begleitet und zutextet, dass man nichts kaufen wird und seine Waren zwar toll findet (um niemanden zu beleidigen) aber sie nicht braucht, kommt auch schon der nächste. So hat man in diesem Teil des Dorfes immer einen Begleiter. Eigentlich sind sie nur lästig, aber einige (die aber auch eine ziemliche Alk-Fahne haben) könne sogar ganz böse und beleidigend werden. Das hat dann natürlich sofort bei mir gefruchtet und ich habe das gesamte Warensortiment aufgekauft. Am Strand ist man noch weniger sicher vor den Souvenirverkäufern. Wenn man am Lodge-eigenen Strand liegt, dann geht es, da es Angestellte gibt, die dafür sorgen, dass die Verkäufer nur außerhalb operieren, aber sobald die mal nicht hinschauen...Im anderen Teil des Dorfes stehen keine Lodges und es ist sehr einheimisch. Dort befindet sich ein kleiner Markt und ein großer Fischmarkt. Niemand möchte jemanden etwas verkaufen, aber alle Kinder (und es gibt sehr viele Kinder) von 1 bis 5 Jahren, winken und brüllen und verfolgen einen. Erst dachte ich „ist das putzig“, aber irgendwas machte mich stutzig, die Kinder werden ja wohl kaum instruiert, lieb und nett zu den geldbringenden Touris zu sein. Und dann bemerkte ich auch die Enttäuschung in den Gesichtern, wenn ich ihnen keine Süßigkeiten oder Geld gab. Denn darauf waren sie aus. Ich beobachtete ein südafrikanisches Auto, mehrere Kinder verfolgten es, die Fenster wurden heruntergelassen und ein paar Süßigkeiten herausgegeben und schwupps da war was los. Die Kinder kletterten fast ins Auto und prügelten sich untereinander. Der hilflose Fahrer konnte sich nur befreien, indem er Gas gab.
Dennoch ist der Ort sehr idyllisch und bietet einen wunderbaren Sonnenuntergang. Sobald es dann dunkel ist, sieht man mehrere Lichter auf dem See in den Booten der Fischer. Ich dachte, dass machen die, damit die Boote nicht gegeneinander stoßen, aber der Grund für die Festtagsbeleuchtung auf dem Boot ist ein anderer. Die kleinen Fische (die man ja komplett ist, samt Gräten und Augen) kann man nur nachts fangen. Auf dem großen Fischerboot brennen die Lampen und die neugierigen Fische kommen, um zu schauen, was denn los ist. An das Fischerboot angebunden ist ein kleines Einbaumboot, in dem ein Fischer sitzt und die Netze auswirft.

In der Lodge trifft man viele Volunteers, die in Malawi arbeiten, und noch mehr Südafrikaner, die ihren Urlaub machen (erkennt man immer leicht daran, dass sie lautstark Rugby gucken wollen, wenn grade Fußball läuft) und noch mehr Reisende, die durch ganz Afrika reisen, diese sind von überall her, UK, Niederlande, Deutschland, Schweiz, Israel, USA usw.. Das erinnerte mich wieder an meinem Traum. Ich möchte in einem 4x4 Jeep mit Zelt auf dem Dach durch ganz Afrika reisen. Dafür braucht man ziemlich viel Zeit (die meisten reisen nur entlang der östlichen Küste von Ägypten nach Südafrika und sind 6 Monate on tour). Und man braucht Personen, die mitkommen, denn alleine möchte ich eine solche Reise nicht machen. Wer also Lust hat, meldet sich bei mir!!!
Wenn man einigen Souvenirverkäufern erst mal erklärt hat, dass man zwar nichts kauft, aber dennoch sehr nett ist, dann spielen sie Bawo (das afrikanische Schach) mit einem und einer erklärte mir die Problematik des Dorfes. Erstens: Es gibt mehr Fischer als Fische. Früher konnten die Fischer immer relativ küstennah fischen. Jetzt müssen sie weiter hinausfahren, was natürlich problematisch ist, wenn der Treibstoff Mangelware ist. Zweitens: Es gibt mehr Souvenirverkäufer als Touristen. Die Verkäufer sind dazu noch sehr eifersüchtig aufeinander und versuchen sich gegenseitig die Kundschaft wegzuschnappen. Deshalb belagern immer gleich Dutzende Verkäufer einen interessierten Kunden, wodurch dieser natürlich häufig sein Interesse verliert.
Mein Rückweg nach Lilongwe war nicht weniger abenteuerreich. Ich bin erneut früh losgereist, da ich den einzigen Bus von Monkey Bay nach Lilongwe nicht verpassen wollte. Vier Trucks fuhren durch das Dorf und versuchten die Ladefläche lohnend vollzubekommen. Dabei wurde blockiert, gehupt, gemeckert und sich gegenseitig Kunden streitig gemacht. Letztendlich fuhren alle Trucks nach zwei Stunden Rumgegurke nur spärlich beladen nach Monkey Bay. Ich fragte mich, warum man sich da nicht zusammen tun kann, aber ok...In Monkey Bay saß ich dann schneller als ich denken konnte auf einem anderen Truck, der vollbeladen in einem Affenzahn zum nächsten Dorf ist. Dort stieg ich in einen Minibus nach Salima um, wo ich dann endlich in einen großen Bus umsteigen konnte. Dieser wurde dann aber an einem Roadblock von oben bis unten von Polizisten gefilzt. Alle mussten aussteigen und ihre Taschen öffnen. Besonderes Interesse galt dabei dem weißen Rastatier. Wahrscheinlich dachten die Polizisten, dass ich am See in einem Restaurant war und anstatt Chembe zu trinken und Chambo zu essen, Chamba bestellt habe. Einer der Polizisten war so unglaublich betrunken, es war ein Wunder das der nicht umfiel. Er wankte aber immer vor- und rückwärts. Irgendwann nahm er mich in seinem Arm und flüsterte mir ins Ohr; dass er sich mit mir mal in Salima treffen möchte, um mit mir Bier zu trinken, er bringt auch Mädchen mit. „Klar, machen wir“ entgegnete ich ihm und stieg schnell in den Bus ein, der dann auch schnell weiterfuhr...
Letztendlich war der Urlaub, äh die Recherche, sehr schön, aber von den ganzen Strapazen musste ich mich dann zurück in Lilongwe doch erst einmal ausruhen.


Ach ich hab ja ganz vergessen zu erwaehnen, dass ich auch im Wasser war. Angenehm warm, viel waermer als das oertliche Duschwasser...

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