"Kein Zeuge ist besser als die eigenen Augen."
Äthiopisches Sprichwort

Samstag, 19. März 2011

Dummheit, Enttäuschung und Naturgewalten

Freitagmorgen habe ich mich nun also erneut von meiner malawischen Familie verabschiedet, um mich auf große Reisen zu begeben. Der Abschied war kurz und schmerzlos und alle meinten „Bis zum nächsten Mal.“. Ich wurde noch zum Busbahnhof gebracht und saß pünktlich um 8Uhr im Bus nach Blantyre. Das Problem bestand darin, dass der Bus noch so gut wie leer war und es nicht nur einen Bus nach Blantyre gab. Jeder Bus beschäftigt mehrere Jugendliche, die über den Busbahnhof rennen, um die Reisenden abzufangen und zu einem bestimmten Bus zu lotsen, dafür bekommen sie dann 100MK, wenn der Bus voll wird. Es herrschte also wieder einmal immenser Konkurrenzkampf und mein Bus füllte sich nur sehr sehr schleppend. Leider war es sehr heiß und ich trank sehr viel Wasser. Dies führte nun also dazu, dass ich mich zu einer Dummheit hinreißen ließ. Manchmal denke ich aber auch wirklich nicht nach. Ich stieg aus dem Bus, suchte mir eine schöne Mauer und entleerte meine Blase, leider genau im Sichtfeld der Polizeieinheit des Busbahnhofes. Diese pfiffen mich natürlich sofort zu sich. Mehrere grimmige Polizisten erklärten mir aufgebracht, dass ich gerade gegen mehrere Gesetze verstoßen habe, wie zum Beispiel „Erregnis öffentlichen Ärgernisses“ und „schwere Umweltverschmutzung“ (ich habe nicht auf den überall herumliegenden Müll und Abfall hingewiesen). Darauf stand entweder eine Haftstrafe oder eine hohe Geldstrafe. Ich musste erst mal im winzigen Polizeikabinchen Platz nehmen. Erst dachte sich, die Polizisten erlauben sich einen Spaß, aber je länger ich da saß und je mehr Polizisten kamen und mir erklärten, was ich doch für ein furchtbarer Krimineller sei, desto mulmiger wurde mir. Ich änderte auch sofort meine Taktik und wechselte von dämlichen Grinsen zu „Es tut mir doch so leid, liebe Polizisten. Ich wusste das nicht. Ich bin doch erst seit kurzem hier. Sorry sorry“. Ich dachte, dass ich da nur wieder rauskomme, indem ich ein paar Scheine rüberwachsen lasse. Aber nach zwanzig Minuten gab man mir meinen Pass wieder (glücklicherweise hat sich niemand mein Visum angeschaut) und ich durfte gehen. Puh, noch mal Glück gehabt und ich weiß, was ich nicht noch einmal mache. Bis der Bus dann um 12Uhr Lilongwe verließ, blieb ich auch brav drin sitzen. Während der Fahrt natürlich auch. Die Hälfte der Strecke bin ich schon mehrmals gefahren und ich war überrascht und erfreut, wie viele der Dörfer ich doch wiedererkannte. Die 300 km, entlang der Mosambikanischen Grenze ist sehr schön und bergig und man hat immer wieder grandiose Aussichten weit ins Land hinein. Gegen 17Uhr erreichten wir das verregnete Ziel. Die Regenzeit ist zwar eigentlich schon vorüber, dennoch kommt es immer noch zu teils sehr starken Regenfällen. Dies verwundert hier alle und macht Angst vor Überschwemmungen. Blantyre, das ist der Geburtsort von des großen Missionaren und Afrikareisenden Dr. Livingstone. Ihr denkt jetzt sicherlich „Hä, der war doch Schotte. Und der soll in Blantyre geboren sein?“. Richtig, beides richtig. Livingstone ist im schottischen Dörfchen Blantyre geboren und hat das malawische Blantyre nach seinem Heimatdorf benannt. Blantyre ist die Wirtschaftsmetropole Malawis. Jedes Unternehmen und jede Bank, die in Malawi Geld scheffelt, hat hier ihren Sitz. Hier steht auch die Börse Malawis, an der ganze 10 Unternehmen notiert sind. Ich kam glücklicherweise im Hellen an, denn meine Reise war hier noch nicht beendet. Meine Couchsurfer-Familie wohnt nämlich in Limbe, die Zwillingsstadt Blantyres, beide gehen ineinander über. Ich fand den Weg bis zu dessen Haustür von ganz alleine, was alle stark überraschte (außer mich natürlich). Meine allererste Couchsurfer-Erfahrung sammelte ich nun also bei einer holländisch/malawischen Familie. Mama Kittie, 60Jahre alt, Näherin und Künstlerin und lebt seit 22Jahren in Malawi, Papa Willie, 50 Jahre, orthopädischer Schuhhersteller und lebt seit 50 Jahren in Malawi, sowie deren Tochter Joyce, 15Jahre und voll in der Zickenphase der Pubertät. Sie wohnen in einem wundervollen, großen und verwinkelten Häuschen mit noch viel größerem Garten und machten meine erste Couchsurfing-Erfahrung zu einem Erlebnis. Ich hatte mein eigenes Zimmer mit Bad und es wurde ständig leckeres gekocht (mal keinen Nsima) und kaltes Bier stand bereit. Mir war das fast schon unangenehm und ich blieb stets bescheiden (wie ich nun mal bin). Eines Abends erzählte ich von meinen weiteren Reiseplänen, unter anderem auch davon, dass ich für 2 Tage nach Nsanje fahren wolle, um mir den großen Binnenhafen Malawis anzuschauen. Ich habe ja schon gehört, dass es in Nsanje nicht so viel gibt (wie zum Beispiel keine Unterkunftsmöglichkeit) und deshalb beschlossen morgens mit dem Minibus hinzufahren und abends zurück. Willie und Kittie wollten sich den Hafen auch anschauen, also boten sie mir an, eine Nacht länger ihr Gast zu sein und mit mir gemeinsam dort hinzufahren.

Der Hafen, wie er überall im Land beworben wird
So ging es dann sonntagsfrüh auf zum Hafen. Wir fuhren in einem Nissan, der leider kein Geländewagen war, dafür aber Benzin im Tank hatte. Der erste Teil der Reise ging über einen Gebirgskamm und schon bald erreichten wir die Ebene. Ich war verwundert und erfreut über die breite neue Straße, die vor uns lag. Hier fahren also die großen Exportgüter-transportierenden Trucks entlang, dachte ich stolz. Ich fand es nur komisch, dass wir weit und breit das einzige Auto waren. Nach ca. 10km hörte die tolle Straße auf und ging in eine sandige und sehr löchrige Schotterpiste über. Hier sollen also die großen Exportgüter-transportierenden Trucks entlang fahren, dachte ich enttäuscht. Die Piste erstreckte sich über 100km lang. Den größten Teil säumten riesige Zuckerrohrfelder den Weg. Hier unten stellt der Ilovobetrieb nämlich Zucker her, auch ein wichtiges Exportgut und somit gehören diese Zuckerrohrfelder zu den wenigen kommerziellen Großfarmen. Das erkannte man auch daran, dass überall Securitys in Wachhäusern saßen, die Felder umrundet waren von Bewässerungsgräben und große Sprenger die Felder düngten und bewässerten. Nach drei Stunden Fahrt kamen wurde die Straße wieder neu, breit und gut geteert. Wir mussten ihr und den riesigen Werbeplakaten, die den Hafen als DEN Schritt Malawis in eine wohlhabende Zukunft anpriesen, nur folgen und dann erreichten wir Nsanje und den Hafen...
Ich dachte zuerst, wir haben uns verfahren. Kann ja gar nicht sein, dachte ich. Wir wollten doch zum Weltinlandshafen. Aber wir waren tatsächlich am Ziel. Der Nsanje Binnenhafen besteht aus einem ca. 100 Meter langen Betonsteg und...nichts und. Das war es. Wo waren all die Verladekräne, wo waren all die Container, wo waren all die Hafengebäude und sonstiges. Und vor allem wo waren die ganzen Schiffe??? Ein winziges Schiff war an den Steg getaut und das war es. Wir konnten es nicht fassen. Nach ein paar Fotos, einem Mittagssnack (selbstmitgebracht, den dort gab es ja nichts) und einem Gespräch mit den Hafenmitarbeitern (ein alter Mann auf einem Stuhl unter einem Baum) ging es wieder drei Stunden zurück nach Blantyre/Limbe. Als der Ausflug hat sich echt gelohnt und das meine ich sogar ernst. Er hat sich gelohnt, weil ich die Wahrheit mit eigenen Augen gesehen habe und außerdem hat er sich gelohnt, weil ich mir die Anstrengung mit einem Minibus nach Nsanje zu tuckern gespart habe.

Der Hafen, wie er in Wirklichkeit aussieht

Meine Reise ging am Montag weiter nach Mulanje, berühmt durch die Mulanje Mountains, ein 750km² großes Bergmassiv. Dort sind auch einige ziemlich Berge, wie der Mount Sapitwa, der mit seinen über 3000m der höchste Berg Zentralafrikas und der dritthöchste (ich dachte immer der zweithöchste, aber ok) Berg ganz Afrikas. Ich machte dort meine zweite Couchsurfing-Erfahrung in einer vierer Jungs WG, alles Weltwärts-Freiwillige. Das Weltwärts-Programm kann man mit einem freiwilligen, sozialem Jahr vergleichen. In ganz Malawi gibt es 50 Freiwillige, nicht schlecht für so ein kleines Land. Es war etwas eigenartig mal wieder Deutsch zu sprechen. Die Jungs waren auch hervorragende Gastgeber und so revanchierte ich mich mit einer selbstgemachten Avocadocreme, meine allererste, die aber in den höchsten Tönen gelobt wurde, auch mir hat sie geschmeckt. Ich konnte mir auch ein Fahrrad leihen und so habe ich eine ausgiebige Fahrradtour am Fuße des Mulanje Massivs gemacht. Ich bin eine kleine ungeteerte Straße entlang gefahren, durch kleine abgeschiedene Dörfer, Teeplantagen (wo Teepflücker 12Stunden pro Tag arbeiten und dabei 70cent verdienen) und Maisfelder. Zuerst war ich sehr glücklich mit meiner Gangschaltung, aber es war extrem warm und so entschloss ich mich dazu, nur noch bergab zu fahren. Berg auf hieß es dann schieben. Ein besonderer Spaßwar es an einer Dorfschule vorbeizufahren. Die Kinder hatten wohl gerade Schulschluss und gingen nach Hause. Sie ließen es sich natürlich nicht nehmen, den Mzungu auf dem Fahrrad zu einem Wettrennen herauszufordern und einige Kinder liefen tatsächlich über Kilometer neben mir her. Irgendwann sah ich dunkle Regenwolken und kehrte um. Ein Regenguss auf dieser Straße wäre sicherlich tödlich geworden. Ich schaffte es tatsächlich bis 200 Meter vors Haus, bis der Wolkenbruch losging und ich komplett durchnässt wurde. Abends stellte ich dann mit einer Karte fest, dass meine Fahrradtour 70km weit war, nicht schlecht und ich war natürlich ziemlich alle. Da traf es sich hervorragend, dass die Jungs fein ausgehen wollten und mich mitnahmen. Wir gingen in den Mulanje Golf Club, der feinste Schuppen in ganz Mulanje. Eigentlich ist dieser nur für Mitglieder (reiche Teeplantagenbesitzer), aber die Jungs waren Mitglieder und so durfte auch ich mit rein. Der Club erinnerte mich eher an einen Jugendclub als an eine Nobeladresse, aber immerhin war ich zum ersten Mal in einem echten Club und dazu noch in einem, wo eine Cola-Rum unter einem Euro kostete.
Von Mulanje aus wollte ich dann eigentlich eine Nacht in Blantyre verbringen. Ich entschloss mich aber dazu direkt nach Salima zu fahren, wo ich noch einige Tage am See verbrachte, genauer gesagt im kleinen Fischerdorf Senga Bay. Genauso wie in Cap MacClear leben die sehr armen Dorfbewohner (die zum Großteil vom Fischfang leben) in der zweiten Reihe und am Seeufer reiht sich Lodge an Lodge. Da Salima aber auch nur eine Autostunde von Lilongwe entfernt ist, waren viele Backpacker Lodges ausgebucht und ich musste eine etwas teurere Unterkunft wählen. Deshalb blieb ich auch nur 3 anstatt 5 Tagen am See und nun bin ich wieder in Lilongwe und genieße meine letzten 5 Tage. Also dann bis dann, Freunde

Teeplantagen vor dem wolkenverhangenden Mulanje Massiv

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